Begegnung mit Ilon Wikland

Ilon Wikland und Kaja Thael, Botschafterin Estlands in Berlin

von Susanne Tiarks | 13. Februar 2015

Estland steckt für mich voller Überraschungen und ich freue mich an der vielfältigen (Kinderbuch)Autoren- und Illustratorenlandschaft, die sich vor mir auftut. Dort auf Schatzsuche zu gehen, ist ungeheuer spannend, und mit dem neuen Titel Der Schiet und das Frühjahr von Andrus Kivirähk hält der erste „Nugget“ ja auch Einzug ins Willegoos-Programm.

Nicht schlecht gestaunt habe ich, als mir gesagt wurde, die große Ilon Wikland, deren Illustrationen dazu beigetragen haben, die wunderbaren Geschichten Astrid Lindgrens so unsterblich zu machen, sei eine gebürtige Estin. Und am Samstag, den 14. Februar könnte ich sie in Berlin kennen lernen, denn dann würde die Ausstellung ‚Über Tisch und Bänke – Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland‘ bei LesArt eröffnet. Mit dieser freundlichen Einladung des Kulturattachés der Estnischen Botschaft in der Tasche machte ich am Wochenende also zur Vernissage im LesArt, dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, auf.

Ilon Wikland und Dr. Kaja Thael, Botschafterin Estlands in Berlin

Ilon Wikland und Dr. Kaja Thael, Botschafterin Estlands in Berlin

Und da stand sie nun, umgeben von ihren Werken, die Frau, deren Illustrationen so untrennbar mit den Geschichten und Charakteren Astrid Lindgrens verbunden sind. Wer kennt sie nicht, die berühmten Figuren von ‚Karlsson vom Dach‘ oder ‚Ronja Räubertochter‘, ‚Lotta‘, ‚Die Kinder aus der Krachmacherstraße‘ und viele andere Charaktere aus der Feder der großen schwedischen Autorin.

Mit schlohweißem Haar, in fröhliche Farben gekleidet und mit ihren 85 Jahren tapfer auf einen Stock mit quietschbuntem Griff gestützt, steht sie fast schüchtern vor den Exzellenzen der estnischen und schwedischen Botschaft und vielen anderen Besuchern, die nicht selten ein altes, abgenutztes Lindgren-Buch unter den Arm geklemmt haben, um es von ihr signieren zu lassen.

Die Botschafterin der Estnischen Republik, Dr. Kaja Thael, eröffnet die Ausstellung und spricht mit warmen Worten von der jungen Ilon, die im estnischen Tartu geboren wurde und als Teenager allein vor den russischen Besatzern nach Schweden floh. Thael beschreibt, wie die „einfach nur schönen Bilder“ Wiklands ihrer Generation die Wärme und Geborgenheit vermittelt haben, die ihnen hinter dem Eisernen Vorhang so fehlte. Denn schon in den 1960er Jahren wurden Astrid Lindgrens Bücher bereits in Sowjetestland übersetzt und veröffentlicht. Allerdings blieb die estnische Herkunft der Illustratorin unerwähnt, denn als Exil-Estin galt sie per se als verdächtig.

Ilons Wunderland (Foto: www.ilon.se)

Ilon Wikands unbeschwerte Kinderwelt (Abbildung: www.ilon.se)

Die meist fröhliche, heitere Bilderwelt der Ilon Wikland war ihrerseits dem Bemühen geschuldet, die traumatischen Erlebnisse ihrer Biografie zu verarbeiten: die Eltern Wiklands hatten sich getrennt, die Mutter hatte die Familie verlassen; die düstere Zeit der sowjetischen Besatzung brachte den Verlust ihres treuen Hundes mit sich, der in dieser Zeit erschossen wurde; die Großeltern, bei denen die junge Ilon schließlich in der estnischen Kleinstadt Haapsalu lebte, brachten sie 1944  zu einem Schiff, mit dem sie allein mit anderen Flüchtlingen ins fremde Schweden fliehen musste. Nun waren auch die Heimat und alle Wurzeln verloren und gekappt. Sie habe gezeichnet, um zu überleben, erzählt sie. In Schweden ist sie lange schwer krank, und zeichnet sich zurück ins Leben. So beschreibt sie es auch in ihrem autobiografischen Bilderbuch Die lange, lange Reise (Text: Rose Lagercrantz, Oetinger, 1996). Nach ihrer Genesung lebt sie bei einer Tante und besucht die Stockholmer Kunst- und Designschule, weilt zu Studien in London und Paris, arbeitet schließlich in einer Buchbinderei, als Grafikerin und Layouterin.

Wikland und Lindgren

Wikland und Lindgren – Foto in der Ausstellung

Nach ihrer Heirat und der Geburt der ersten Tochter ist sie bemüht, das karge Einkommen der Familie aufzubessern und bewirbt sich 1954 beim Verlag Rabén & Sjögren, wo sie zum ersten Mal Astrid Lindgren begegnet, die damals dort Lektorin der Kinderbuchabteilung war. Ilon erhielt von ihr den Auftrag, Lindgrens Mio, mein Mio zu illustrieren – der Anfang einer mehr als 40 Jahre dauernden respektvollen und freundschaftlichen Zusammenarbeit der beiden Frauen.

Erst 1989 konnte Ilon Wikland ihr Heimatland wieder besuchen. Dort gibt es seit 2009 in der Kleinstadt Haapsalu, dem Ort ihrer Kindheit, das iLON-Museum Iloni Imedemaa [Ilons Wunderwelt], in dem etwa 800 Werke der Illustratorin gezeigt werden, die sie dem estnischen Staat geschenkt hat. Und hier in Haapsalu sind auch viele von Ilon Wiklands Bildern verortet: die Holzhäuser, der Bahnof, die russisch-orthodoxe Kirche, das Haus der Großeltern und die mittelalterliche Burg – die heile Welt von Haapsalu ist in Ilon Wiklands zeichnerischem Werk verewigt.

Neben dem Bewahren der Erinnerung an eine Zeit der Geborgenheit und Sicherheit in Haapsalu ist das Werk Ilon Wiklands auch von einer starken Symbolik durchzogen. Immer wiederkehrende Bildmotive wie Fenster und Bett stehen symbolkräftig für Sehnsucht, Einsamkeit, Rückzug, Gesundung, Trost und Schutz. Der Tisch symbolisiert Zusammengehörigkeit und Austausch – hier ist das Zentrum des Zusammenlebens. Sogar ein eigener Ausstellungsraum ist ganz den unzähligen Tischdarstellungen Wiklands gewidmet.

Über Tisch und Bänke - Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland

Über Tisch und Bänke – Die einzigartige Bilderwelt der Ilon Wikland

Neben den veränderten Covern der Lindgren-Bücher über die Jahrzehnte hinweg, Zeichnungen aus Wiklands Privatbesitz und natürlich vielen vertrauten Originalen gibt es in der Ausstellung ‚Über Tisch und Bänke‘ viel Interessantes zu entdecken. Die Ausstellung wurde mit viel Sinn und Verstand von der Kuratorin Kathrin Buchmann und ihren Mitarbeitern zusammengestellt sowie großzügig unter anderem von der Estnischen Botschaft, Ilons Wunderland in Haapsalu, Oetinger und der Staatsbibliothek zu Berlin unterstützt. Im Erdgeschoss ist für kleine Besucher zudem ein interessantes Fragespiel erdacht worden, das die Entdeckung der Welt Ilon Wiklands zum spielerischen Vergnügen werden lässt. Zu besichtigen ist die Ausstellung noch bis zum 30. Juni 2015 zu den Öffnungszeiten (Di, Mi und So von 14-18 Uhr) von LesArt in der Weinmeisterstr. 5, 10178 Berlin.

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