Geheimnisse des Vogelzugs – Faktencheck

„Wieso fliegen denn da so viele Vögel am Himmel?“
Diese Frage werden wohl schon viele Eltern in den letzten Wochen gehört haben. Der Sommer hat uns langsam aber sicher den Rücken zugekehrt, Wind und Regen beherrschen das Wetter.
Lange wird es nicht mehr dauern, bis die Bäume all ihre Blätter verloren haben: der Herbst ist da.

Group of Canadian geese flying i V formation over frozen lake

Gänse im Formationsflug

Mit ihm kommt auch die Zeit, in der viele Vögel ausziehen, um sich vorübergehend anderswo niederzulassen. Bei uns in Deutschland ist dieses Phänomen vor allem im hohen Norden im Nationalpark Wattenmeer jedes Jahr aufs Neue schön zu beobachten. Der große Brachvogel, der Steinwälzer und die Heringsmöwe haben sich bereits auf den Weg gemacht.
Doch warum fliegen die Vögel weg? Wo genau wollen sie denn hin? Und machen das alle?
Fragen über Fragen, die vor allem Kinder stellen – und so manch Erwachsener vielleicht noch nicht allzu gut beantworten kann. Darum hier ein Überblick über die wichtigsten Fakten:

 

Warum fliegen die Vögel weg?
Viele werden sich an dieser Stelle denken: Na, wegen der Kälte. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es hat zwar durchaus etwas mit den niedrigen Temperaturen zu tun, aber das Problem liegt nicht darin, dass die Vögel frieren. Sie finden einfach keine Nahrung mehr und müssen deshalb weit weg in wärmere Gebiete reisen, um überleben zu können.
Eine Vielzahl an Vögeln ernährt sich von Würmern, Fröschen und Mäusen. Die letzten beiden sind im Winter gleich gar nicht zu sehen und Würmer finden sich in gefrorenem Boden auch nur schwer. Also eine schwierige Beute.
Doch nicht alle Vögel empfinden die kalte Jahreszeit in Deutschland so mühsam. Manche kommen auch aus kälteren Gebieten hierher, weil sie an mehr Nahrung kommen als in ihren Brutgebieten. Die Nonnengans aus Sibirien zum Beispiel verspeist sehr gerne Gräser, welche sie bei unseren vergleichsweise milden Wintern problemlos findet.

 

Suchen denn alle Vögel das Weite?
Hier muss man zwischen drei verschiedenen Arten unterscheiden:

  • Langstreckenzieher fliegen über viele tausend Kilometer in ihr Überwinterungsgebiet. Dabei sind sie oft tagelang ohne Pause unterwegs! Bei einer Pfuhlschnepfe zum Beispiel wurde mit einem Messgerät ein Dauerflug von 11.570 Kilometern auf dem Weg von Alaska bis Neuseeland nachgewiesen – ein echter Rekord.

 

  • Kurzstreckenflieger dagegen setzen sich nicht so weite Ziele. Stare beispielsweise nutzen die milderen Winter in England. Inzwischen sind dort aber auch Vögel zu sichten, die früher in viel wärmere Gebiete geflogen sind. Forscher vermuten hier einen Zusammenhang mit dem Klimawandel.
    Dabei haben diese Vögel einen großen Vorteil: Durch die Nähe zu ihrem Brutgebiet haben sie im Frühjahr einen zeitlichen Vorsprung gegenüber den Langstreckenziehern und können sich so die besten Brutplätze sichern.

 

  • Teilzieher und Standvögel sind die dritte Gruppe der Zugvogelarten. Bei Tieren, die hierzu gehören, reist nur ein Teil ab. So bleibt bei den Buchfinken das Männchen im Brutgebiet zurück, während das Weibchen in den Süden zieht.
    Diese Vogelarten finden entweder ihre herkömmliche Nahrung auch im Winter oder stellen sich vorübergehend um.

 

Und wohin fliegen die Zugvögel?
Das lässt sich sehr schön am Beispiel des Wattenmeers erklären, welches zu den entsprechenden Zeiten einem großen Flughafen gleicht. Manche Vögel heben wieder ab, manche nicht:

  • Die Ringelgans ist ein Wintergast im Wattenmeer. Ihr eigentlicher Wohnort liegt in Sibirien. Dort bringt sie im frühen Sommer ihre Küken zur Welt und zieht sie bis Anfang September groß. Aber schon nähert sich wieder der Winter und die Ringelgansfamilie macht sich auf den Weg zum Wattenmeer. Dort verweilt sie einige Zeit, bis sie dann weiter nach Frankreich oder Großbritannien zieht. Für die Heimreise im Frühjahr wird aber nochmal ein Zwischenstopp im Wattenmeer eingelegt.

 

  • Durchzügler wie die Pfuhlschnepfe legen im Wattenmeer nur eine kleine Pause ein. Von ihren Brutgebieten in Sibirien bis zu ihrem Überwinterungsziel in Westafrika ist es ein weiter Weg. Das Wattenmeer liegt ungefähr in der Mitte zwischen diesen zwei Orten. Auf dem langen Flug bis dorthin hat sie sämtliche Fettreserven verbraucht und nutzt das Watt, um ihre Vorräte wieder aufzufüllen und gestärkt den Weiterflug antreten zu können. Hier finden sich auf einem Quadratmeter durchschnittlich 3700 Tiere, die die Vögel verspeisen können!

 

  • Vögel wie die Küstenseeschwalbe nutzen das Wattenmeer zum Brüten. Sie werden deshalb als Brutvögel Nach einer langen Reise vom Südpolarmeer treffen sich hier Männchen und Weibchen und paaren sich. Wenige Wochen später schlüpfen auch schon die Küken, welche die nächste Zeit mit genügend Fischen aus dem Meer versorgt werden. Im Winter allerdings finden sich im Wattenmeer keine Fische mehr. Die Eltern und die bereits ausgewachsenen Kinder machen sich also wieder auf zum Südpolarmeer, wo zu dieser Zeit der Sommer beginnt.

 

Warum sind Zugvögel immer in Gruppen zu sehen?
Bei ihrem Flug in ihre Wintergebiete sind Vögel nur selten alleine unterwegs. Sie fliegen entweder in großen Schwärmen oder in geordneten Formationen.
Schwärme werden meist von kleineren Vogelarten wie den Staren gebildet. So sind sie geschützt vor Angreifern, denn diese trauen sich nicht in diese große Masse von flatternden Vögeln hinein. Was für uns nach einem großen Durcheinander aussieht, hat in Wirklichkeit aber sehr wohl seine Ordnung. Jeder Einzelne beobachtet genau seinen Nachbarn und hält durch Rufe Kontakt zu den anderen. So stoßen sie nicht zusammen und fliegen alle in dieselbe Richtung.

Größere Vögel wie Gänse oder Schwäne bilden geordnete Formationen für ihren Flug. Typischerweise formen sie dabei ein großes V am Himmel. Das hilft ihnen, Energie zu sparen. Der Vogel an der Spitze drückt durch seinen Flügelschlag die Luft nach unten. An seinen Flügelspitzen strömt sie wieder nach oben und der schräg hinter ihm fliegende Vogel kommt nun in diesen Luftstrom, weshalb er selbst weniger Energie aufwenden muss. Damit aber nicht die ganze Arbeit an nur einem Mitglied der Reisegruppe hängenbleibt, wird immer wieder mal durchgewechselt.

 

Woher kennen die Vögel den Weg?
Einige Vogelarten wie Gänse, Schwäne und Enten lernen von klein auf, ihren Eltern zu folgen. So funktioniert das auch bei ihrer ersten Flugreise: Sie fliegen mit ihrer Familie, merken sich den Weg und finden im nächsten Frühjahr bereits alleine zurück.
Aber nicht bei allen Vogelarten funktioniert das so. Forscher vermuten ein angeborenes Flugprogramm, in welchem der genaue Zeitpunkt des Abflugs, die Flugrichtung und die Flugdauer festgelegt sind.

Mädchen mit Fernglas

Am Wattenmeer gibt es viel zu entdecken

Unterwegs dienen den Vögeln dann verschiedene Anhaltspunkte als Orientierungshilfen.
So können sie am Magnetfeld der Erde und dem Stand der Sonne die Himmelsrichtungen erkennen. Nach Sonnenuntergang gibt ihnen dann der Polarstern stets an, wo Norden ist.
Besonders nachts nutzen die Vögel auch ihr Gehör, um den Weg zu finden. Dank typischer Geräusche wie Meeresrauschen wissen sie immer, wo sie sich gerade befinden.
Heringsmöwen können ihr Überwinterungsgebiet sogar riechen, wie Forscher herausfanden.

Ganz schön erstaunlich, was Vögel alles können, oder?

Wer sich einmal selbst ein Bild von dem großen Trubel am Wattenmeer machen möchte, kann dort auf Erkundungstour gehen. Bei Niedrigwasser sind im Watt die Spuren hungriger Vögel zu sehen. Selbstverständlich lassen sich mit einem Fernglas auch die Tiere selbst beobachten. Beides ist entweder alleine oder in Gruppen unter fachkundiger Führung möglich. Auch ein Besuch bei den 9. Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer vom 14. bis 22. Oktober 2017 mit umfangreichem Programm und großer Malaktion für Kinder ist sicher lohnenswert. Ein schönes Video über den Vogelzug mit Parkleiter Peter Südbeck dient als erster Vorgeschmack.
Und um die Zeit bis dahin zu überbrücken, können vorher auch schon fleißig weitere Informationen in unserem Buch „Zugvögel – Weltenwanderer im Wattenmeer“ von Bernd-Uwe Janssen gesammelt werden. Übrigens führt auch hier Peter Südbeck mit einem Vorwort ins Buch ein.
So steht nichts mehr im Weg, wenn es wieder heißt „Wieso fliegen denn da so viele Vögel am Himmel?“.

Laura Meyer