Lachen lernen, das Weinen funktioniert schon – Andrus Kivirähk im Porträt

Andrus Kivirähk
Andrus Kivirähk

Andrus Kivirähk

 

Von Susanne Tiarks | 13. Februar 2015

„Lachen lernen, das Weinen funktioniert schon.“ So drückte es der Philosoph und Lehrer Manfred Hinrich (1926-2015) aus und spricht damit Andrus Kivirähk aus dem Herzen. Was Lachen mit Nachtisch und Weinen mit Senf zu tun hat, ist heute im Porträt über den Erfolgsautoren aus Estland zu erfahren, einem Land kleiner als Niedersachsen und mit etwas mehr als 1,3 Millionen Einwohnern.

 Estlands beliebtester Kinderbuchautor

Andrus Kivirähk, der Autor von „Der Schiet und das Frühjahr“, ist ein bemerkenswert produktiver und innovativer Vertreter der aktuellen estnischen Literaturszene und zählt in seinem Land zu den beliebtesten Schriftstellern seiner Zeit. Geboren 1970 in Tallinn, studierte Andrus Kivirähk Journalismus an der Universität von Tartu und arbeitet heute in Tallinn bei der estnischen Tageszeitung Eesti Päevaleht.

Kinderbücher sind das Dessert – und Senf gehört da nicht rein

Kivirähk versteht es, virtuos von der einen zur anderen Literaturform zu wechseln, er schreibt Romane und Kurzgeschichten für Erwachsene ebenso wie Zeitungsartikel, Theaterstücke, Drehbücher und – Kinderbücher. Seine schriftstellerische Vielfältigkeit vergleicht Andrus Kivirähk selbst mit einem guten Essen und Kinderbücher sind für ihn dabei der Nachtisch. „Für mich ist das Schreiben für Kinder vergleichbar mit dem Dessert. Ich schreibe auch viel für Erwachsene – Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Das ist wie Suppe und Brot. Auch lecker, aber ab und zu naschen wir eben gerne Schokolade, und so habe ich immer wieder den Wunsch, für Kinder zu schreiben. Es macht einfach Spaß.
Ein Dessert muss nicht völlig überzuckert sein, genauso wenig wie eine Geschichte für Kinder. Es gibt verschiedene Arten von Desserts: säuerliche, saftige, fruchtige. So ist das auch mit Kinderliteratur. Ich mag weder etwas ekelhaft Süßes essen oder lesen, geschweige denn schreiben. Nichtsdestotrotz glaube ich, Kinderliteratur sollte positiv und lustig sein. Beim Lesen eines Kinderbuchs sollte herzlich gelacht werden! Unglück und Probleme können schon auch darin vorkommen, aber es muss immer ein Happy End geben. Warum sollten wir Kinder deprimieren? Manche sagen, Kinder müssten sich auch mit Leiden und Tod auseinandersetzen. Ich sehe das anders. Sie werden erwachsen und haben dann noch genug damit zu tun. Für Erwachsene kann man über Trauriges und Düsteres schreiben, so wie Senf und Knoblauch eben auch in Suppe und Hauptgericht gehören. Aber Senf gehört nicht in den Nachtisch, das weiß jeder Koch.“

Literaturpreise & Übersetzungen

Estonian Children's Literature Centre

Der „Nukits“ – das kleine Maskottchen der estnischen Kinderliteratur

Andrus Kivirähks Kinderbücher wurden in Estland schon vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, allein den Nukits Kinderbuchpreis (der von Kindern vergeben wird!) erhielt er bereits drei Mal. Übersetzungen seiner Kinderbüchergibt es bisher ins Russische, Lettische, Litauische und Finnische. Alles nachzulesen im Estonian Children’s Literature Centre.

„Der Schiet und das Frühjahr“ beim Kinderbuchverlag Willegoos ist die erste Übersetzung eines seiner Kinderbücher ins Deutsche. (Im Jahr 2014 erschien übrigens einer seiner Romane für Erwachsene erstmals auf Französisch – L’homme qui savait la langue des serpents – und erhielt in Frankreich auf Anhieb die renommierte Auszeichnung Prix de l’Imaginaire 2014 du roman étranger.)

Andrus Kivirähk im Interview

Susanne Tiarks (STI): Andrus, erzähle uns ein bisschen von Dir. Wer ist Andrus Kivirähk?

Andrus Kivirähk

Andrus Kivirähk (AK): Andrus Kivirähk ist Schriftsteller, Journalist, Theaterautor, Ehemann, Vater, Freund, Sohn, Bruder, estnischer Staatsbürger usw.

 

STI: Estland ist Dein Heimatland. Was bedeutet es für Dich und wie beeinflusst es Deine schriftstellerische Arbeit?

AK: Ja, Estland ist meine Heimat und ich möchte nirgendwo sonst leben. Woanders könnte ich nicht schreiben.

STI: Seit wann schreibst Du für Kinder und was gefällt Dir daran besonders?

AK: Ich habe vor 20 Jahren angefangen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene zu schreiben. Es ist wie beim Kochen, manchmal ist einem nach Suppe, manchmal nach Kuchen. Ein Profikoch beherrscht beides, ein Profiautor auch.

STI: Hast Du Kinder? Mögen sie Deine Geschichten?

AK: Ich habe drei Töchter und selbstverständlich mögen sie meine Geschichten!

STI: Woher nimmst Du die Ideen für Charaktere wie den romantischen Schiet und brütende Socken?

AK: Es gibt so viele Bücher auf der Welt, in denen es um Elfen, glückliche Häschen oder Bärchen geht. Ich fände es langweilig, die gleichen Bücher mit den gleichen Figuren zu schreiben. Romantischer Schiet und brütende Socken sind da doch mal was anderes!

Papas Socken

Papas Socken haben ein Ei gelegt!

STI: Estland scheint mir ein sehr an der digitalen Welt orientiertes Land zu sein, dennoch erscheint hier jedes Jahr eine stattliche Anzahl von (Kinder)Büchern, und jede kleine Stadt und jedes Dorf hat eine eigene Bibliothek. Ist das so etwas wie eine „friedliche Ko-Existenz“ von High-Tech-Gadgets und traditionellen gedruckten Büchern? Was hältst Du von E-Books für Kinder?

AK: E-Books sind eine wunderbare Erfindung und sehr praktisch, wenn man auf Reisen ist. Aber Kinderbücher sollten aus Papier sein. Illustrationen kommen in E-Books nicht so schön zur Geltung. Außerdem ist der Geruch eines richtigen Buchs viel zu wichtig! E-Books riechen nun mal nicht …

STI: Was wünscht Du den Kindern des 21. Jahrhunderts?

AK: Sie sollen glücklich sein!

Eine chinesische Zauberprinzessin und die Welt hinter den Dingen

Auf einer Zeichnung meiner damals fünfjährigen Tochter fand ich einmal mitten auf dem Blatt eine einzelne Tür. „Wo führt die hin?“, fragte ich sie. „Mama, ins Reich einer chinesischen Zauberprinzessin!“ Der große Bruder schüttelte nur den Kopf und sagte abschätzig: „Mama, auf die andere Seite des Papiers …“

Andrus Kivirähk hat sich in seinen Kinderbüchern den Blick für die zauberhafte Welt hinter der Papiertür behalten – eine kostbare Gabe, wie ich finde. Ich wünsche allen kleinen (und großen) Lesern von Andrus Kivirähk, dass sie durch die von ihm geöffnete Tür eintreten in die Welt, die hinter den Dingen ist. Der Kleine Prinz, Sie wissen schon.